Rezension: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst

Veröffentlicht am 19.07.2018 von Manuela Seubert

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Lese ich ein Buch oder lese ich eine Artikelserie in einem Blog?

Diese Frage stellte sich mir, kurz nachdem ich mit dem Lesen des Buches Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst von Jaron Lanier begonnen hatte.

Lanier spricht den Leser von Anfang an mit “Du” und in einem legeren Schreibstil an. Ich werde das Gefühl nicht los, mit ihm bei einem Haferl Kaffee über die für uns kostenfreien Social-Media-Plattformen zu plaudern, während er mich gleichzeitig vorm gnadenlosen Ausspionieren und Verkauf meiner Daten, vor der Manipulation meines Verhaltens und vor dem Einfluss auf die Politik warnt.

Das Buch erscheint in Deutschland in einer Zeit, in der wir mit der DSGVO umzugehen lernen, noch den Facebook-Skandal im Kopf haben und sich sogar Social-Media-affine Menschen die Frage stellen: Will ich eigentlich angesichts des Datenmissbrauchs und des Umgangs/der Tonalität weiterhin Facebook & Co. nutzen?

Mich machte der Titel von Laniers Streitschrift sofort neugierig auf seine Argumentation.

Inhalt

Wie aus dem Buchtitel ableitbar legt Lanier in zehn Kapiteln dar, warum wir unsere Social-Media-Accounts löschen sollen. Die Kapitelüberschriften aus dem Inhaltsverzeichnisses sind gleichzeitig die Gründe, mit denen er uns wach rütteln will:

  1. Du verlierst deinen freien Willen
  2. Social Media ist BUMMER (Erläuterung des Übersetzers: umgangssprachlicher Ausdruck für etwas Unerfreuliches, ähnlich wie “Mist!” oder “Blöd!”)
  3. Social Media macht dich zum Arschloch
  4. Social Media untergräbt die Wahrheit
  5. Social Media macht das, was du sagst, bedeutungslos
  6. Social Media tötet dein Mitgefühl
  7. Social Media macht dich unglücklich
  8. Social Media fördert prekäre Arbeitsverhältnisse
  9. Social Media macht Politik unmöglich
  10. Social Media hasst deine Seele

Ausführlich legt der Autor für jeden einzelnen Grund dar, warum er zu diesem Schluss kommt. Ein Exzerpt zu jedem Argument können Sie bei FocusOnline lesen.

Autor Jaron Lanier

Besonders spannend ist diese Streitschrift für mich, weil sie von Jaron Lanier geschrieben wurde, – von einem Internet-Pionier, der über die Jahre in gewisser Weise zu einem Internet-Kritiker wurde.
Nicht vergessen sollte man, dass er immer noch Teil der Internet-Wirtschaft ist: Er arbeitet für Microsoft. Dies legt er dem Leser auch offen; an einer Buchstelle, an der er sich noch für Business-Netzwerke wie das zu Microsoft gehörende LinkedIn stark macht.

Lanier bringt prägnant seine Sorge auf den Punkt: Bestimmte Internetgiganten führen zur Erosion der Gesellschaft (Politikeinmischung, Datenmissbrauch/-verkauf, Manipulation) und bringen die dunklen Seiten der Persönlichkeit zum Vorschein (Ausgrenzung von Minderheiten, Verrohung der Sprache).
Dabei offenbart er, dass er sich selbst in Foren schon wie ein Rüpel verhalten hatte oder – im Gegensatz dazu – besonders charmant und nett; authentisch habe er in den Social Media nicht mehr agiert. Daher hat er sich komplett daraus zurückgezogen.

Schon vor dem Erscheinen dieses Buches hat er sich dafür ausgesprochen, dass wir für die Nutzung von Suchmaschinen und Social Media bezahlen sollten. Er wiederholt seine Meinung auf S. 143:
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Lanier (S. 152): “Ich werde also erst dann ein Nutzerkonto bei Facebook, Google oder Twitter anlegen, wenn ich dafür bezahlen darf – und wenn ich das eindeutige Recht an meinen eigenen Daten habe und den Preis für sie selbst festsetzen kann, und es einfach und normal ist, dass ich mit meinen Daten Geld verdiene, falls sie wertvoll sind.”

Ihr Nutzen

Jaron Lanier ist Internet-Guru der ersten Stunde. Dies merkt man seiner Argumentation in jedem Kapitel an. Er weiß, wie die Algorithmen der Social-Media-Plattformen funktionieren und wie sie das Verhalten der Nutzer beeinflussen können.

Haben Sie von den in den einzelnen Kapiteln dargelegten Argumenten noch nie gehört, ist dieses Buch auf jeden Fall für Sie lesenswert. Haben Sie die Debatte um die Nachteile von Social Media in den letzten Jahren bereits kontinuierlich verfolgt, werden Sie dagegen wenig Neues vorfinden – es sei denn, Sie wollen es übersichtlich und im Plauderton zusammengefasst in einem Buch als Nachschlagewerk haben.
Allerdings darf Sie insgesamt ein dystopisches Weltbild nicht abschrecken.

Sympathisch finde ich in dem nur wenige Seiten umfassenden Fazit (S. 197 ff.), dass Lanier uns um Hilfe bittet: “Verteufel das Internet nicht, sondern nutze es! Das Internet selbst ist ja nicht das Problem.”
Gleichzeitig gibt er darin wenige Tipps, wie wir Internetgiganten zum Umdenken bringen können:

  • Mit Freunden über E-Mail in Kontakt bleiben; aber mit E-Mail-Providern, die nicht mitlesen. “Gmail scheidet also schon mal aus”, so Lanier.
  • Täglich drei verschiedene Nachrichtenseiten lesen und diese v. a. direkt im Internet aufrufen (anstatt sie sich im Feed einer Social-Media-Plattform anzeigen zu lassen).
  • Vor allem jungen Menschen rät er, sich für eine Weile (6 Monate!) von allen Social-Media-Accounts zu befreien. So können sie sich selbst auszuprobieren und erfahren, wie viel Zeit sie auf den BUMMER-Medien verbringen.

Mein Fazit zum Buch

Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie in verständlicher Form die geballte Argumentation gegen eine Social-Media-Nutzung lesen wollen. Lassen Sie sich allerdings nicht in den Würgegriff dieses Weltuntergangsszenarios nehmen.

Am Ende des Buches ist Lanier zumindest so konstruktiv, dass er uns einen Ausweg aufzeigt, wie wir als Social-Media-Nutzer Einfluss ausüben können. Dabei ist er realistisch: Weder wird sein Buch zu einer großen Austrittswelle führen, noch will er vorschreiben, was wir zu tun oder zu denken haben.

Allerdings ist mir insgesamt sein Fazit zu dürftig ausgefallen. Hier hätte ich mir von dieser Internet-Ikone viel mehr praktische Ansätze erhofft, die über reines Schwarz-Weiß-Verhalten hinausgehen.

Habe ich etwas geändert nach dem Lesen des Buches?

Vielleicht fragen Sie sich, welche Auswirkungen das Buch auf mich hatte.

Hier die Antwort:

  1. Mein Entschluss ist im Vergleich zu diesem Artikel gefasst: Ich bleibe Whatsapp-Verweigerin.
  2. Weniger Zeit auf den sozialen Medien verbringen: Das fällt mir v. a. bei Twitter schwer. Aber hier hat Lanier zumindest den Denkanstoß gegeben, wieder mehr auf meine Nutzungszeiten zu achten.
  3. Die Facebook-App ist von meinem Smartphone geflogen. Und die Zeiten, die ich am PC bei Facebook vorbeischaue, sind drastisch gesunken.
  4. Bei den Nachrichtenseiten muss ich mich nicht ändern: Ich lese viel und v. a. überregionale Nachrichtenseiten direkt auf deren Online-Präsenzen. Ich wäre überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, mich auf einen Newsfeed einer Social-Media-Plattform zu verlassen.
  5. Nein, ich habe keinen persönlichen Account gelöscht.

Ich bin Kommunikatorin und will wissen, was auf diesen Plattformen passiert. Mein respektvolles und wertschätzendes Verhalten sowie das Aufzeigen von Missständen durch Blocken von Nutzern oder Melden von Beiträgen kann diese digitale Welt vielleicht besser machen – ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihre Social-Media-Accounts zu löschen? Werden Sie Laniers Buch lesen?

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst
1. Auflage, 2018
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg
ISBN 978-3-455-00491-5
Gebundene Ausgabe: 14,00 Euro

Hinweis: Der Verlag Hoffmann und Campe hat mir dieses Buch aufgrund meiner Anfrage kostenfrei als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich wurde für diese Rezension nicht bezahlt. Meine Meinung zum Buch bilde ich mir selbst und der Verlag nimmt darauf keinen Einfluss.

Fotos: © Manuela Seubert

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