Twitter: Von 140 auf 280 Zeichen

Veröffentlicht am 09.11.2017 von Manuela Seubert

twitter-280-zeichen.jpgSeit gestern haben wir den Zeichensalat. Der bei mir so beliebte KURZNachrichtendienst, vormals MICRO-Blogging-Dienst genannt, schmeißt sein Alleinstellungsmerkmal über Bord und wird geschwätzig. Künftig dürfen Twitterati in 280 statt bislang 140 Zeichen ihren Gedanken freien Lauf lassen.

Im Folgenden meine Gedanken zur dieser Umwälzung auf meiner Lieblings-Plattform.

Die ersten Stunden mit den 280 Zeichen bei Twitter

Seit mehreren Wochen testete Twitter bereits mit einigen Usern die 280-Zeichen-Tweets. Ein paar dieser Tweets schwappten in meine Timeline und wurden von mir wahrgenommen – nicht unbedingt gelesen -, weil sie die visuelle von der Norm abwichen.

Am 8.11.2017 war es so weit: Uns stehen 280 Zeichen für Text zur Verfügung. Mein erster #280characters-Tweet lautete:
twitter-280-zeichen-tweet-seubert

Twitter wurde 2006 ins Leben gerufen und musste damals aufgrund technischer Restriktionen die Nachrichten der Nutzer auf 140 Zeichen beschränken. Eine von vielen Twitterati geschätzte Schrulligkeit, in Marketing-Sprech: USP (Unique Selling Proposition) oder Alleinstellungsmerkmal.

Nun gehören die 140 Zeichen der Vergangenheit an. Es markiert den radikalsten Relaunch im Twitterversum – radikaler als aus dem Fav-Stern ein Like-Herzchen zu machen.

Aufregung um 140+140 Twitterzeichen

Ja, die Empörungswellen schwappen durch Twitter. Persönlich lässt mich das Ganze relativ kalt.

Wir sind bei Twitter zu Gast. Die Regeln in diesem Kommunikationsmedium bestimmt ein Unternehmen, das damit Geld verdienen will. Twitter glaubt, dass viele potentielle Nutzer von der 140-Zeichenbeschränkung abgeschreckt werden. Ob mit der Verdopplung auf 280 Zeichen die *Twitter-Hoffnung auf mehr aktive Nutzer *des Netzwerkes – weil einfacher zu nutzen und den Facebook-Vielschreiben näher – erfüllt wird, wird die Zukunft weisen.

Was hat die 140-Zeichen-Twitterei spannend und lehrreich gemacht?

Mir als Gern- und Vielschreiberin hat Twitter bei meinem Einstieg 2012 einiges abverlangt. 140 Zeichen sind eine Herausforderung an Geist und Schriftsprache und brachten viel Positives hervor:

  • “Fasse dich kurz” – dieser alte Telefonhäuschen-Slogan passte perfekt zu Twitter. Jeder Tweet verlangte Fokussierung: auf das Hauptargument, die Kernbotschaft, die Mini-Pointe.
  • Spätestens in diesem Micro-Blogging-Dienst lernten wir Füllwörter zu streichen, Substantivierungen zu meiden, kurze Hauptwörter zu suchen, aktive Verben zu nutzen und auf Schachtelkonstruktionen im Satzbau und Donaudampfschifffahrtskapitänsmützen in der Wortwahl zu verzichten.
  • Infos und News waren auf den Punkt gebracht schnell zu verarbeiten.
  • 140 Zeichen haben bei einigen Twitterati die Kreativität beflügelt. So entstand u. a. die Twitterkunst, z. B. zu sehen bei @tw1tt3rart.

Twitters 140-Zeichen-Manko

Einige Male war mir die Zeichenbeschränkung allerdings lästig:

  • Wollte ich schnell eine kurze Nachricht twittern, brauchte ich manchmal länger als geplant. Mal waren 5 Zeichen zu viel, mal waren es gefühlt 0,0126 Zeichen, die einfach nicht zu streichen waren ;-).
  • Für ein und dieselbe Aussage braucht man im Deutschen fast immer mehr Worte als z. B. in der englischen Sprache. In den englischen Tweets meiner Timeline ist häufig mehr Content zu lesen.

280-Zeichen-Tweets: Gibt es auch Positives?

Ginge es nach den Tweets, die ich gestern und heute gelesen habe, würde die Mehrheit der Twitterati die Frage mit “Nein” antworten.

Zwei positive Seiten sind mir direkt eingefallen:

Humor

Twitter wäre nicht Twitter, wenn sich durch eine solche Veränderung nicht die Twitter-Kreativität, der besondere Humor und das Augenzwinkern zeigen würde.

280-Zeichen-Tweet der Polizei München
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280-Zeichen-Tweet des Bundesumweltministeriums
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280-Zeichen-Tweet der Deutschen Bahn
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Event-Tweets

Positive Auswirkungen der Zeichenerweiterung sehe ich für das Live-Twittern von Events. Es wird durch die 280 Zeichen wahrscheinlich verbessert:

  • Teilnehmende Twitterati:
    Wer selbst live von einer Veranstaltung getwittert hat, kennt die Herausforderung bei fortlaufendem Vortrag eine gerade getätigte Aussage des Redner auf 140 Zeichen zu kürzen und gleichzeitig den weiteren Ausführungen zu lauschen. Das wird umso schwerer, je länger die Veranstaltung dauert und je erschöpfter man sich fühlt. Persönlich habe ich dann den ein oder anderen 140+x-Zeichen-Tweet nicht veröffentlicht.
  • Daheimgebliebene Twitternutzer eines Events:
    Gibt es inhaltlich sehr dichte Vorträge, die von den Teilnehmern im Saal jede Konzentration fordern, werden auch die Tweets seltener. Daheimgebliebenen entgeht somit guter Inhalt und Kontext. 280 Zeichen erlauben nach einem größeren Inhaltsblock zumindest eine Zusammenfassung. Ich erhoffe mir davon höherwertige Event-Tweets.

Freiheit und #Twitter280Zeichen

Aufregung hin, Empörung her. Letztlich liegt es an uns Twitterati, was wir aus den 280 Zeichen Textfreiheit machen.

  1. Wir haben die freie Wahl: Wir dürfen und können 280 Zeichen nutzen, müssen es aber nicht.
  2. Wir haben die freie Wahl: Wir müssen Tweets mit 280 Zeichen nicht lesen.
  3. Wir haben die freie Wahl: Vielschreiber können blockiert oder entfolgt werden.
  4. Wir haben die freie Wahl: Puristen zählen weiterhin ihre 140 Zeichen exakt ab.

Fast unbemerkte Änderung: Kreis statt Ziffern

Die Empörung über den Verlust der Zeichenbeschränkung auf 140 Zeichen war gestern so groß, dass die zweite Änderung fast gar nicht zur Sprache kam.

Beim Verfassen eines Tweets wurde bis dato rechts unten angezeigt, wie viele Zeichen wir für den Text noch zur Verfügung hatten. Jetzt befindet sich dort ein Kreis, der je nach Zeichenanzahl seine Farbe wechselt:

  • Grau: Noch kein Zeichen wurde im Tweet gesetzt
  • Blau: 1-260 Zeichen; der graue Kreis wird zunehmend blau.
  • Gelb: 261-280 Zeichen; gleichzeitig wird links neben dem Kreis in gelben Ziffern von 20 verbleibenden Zeichen heruntergezählt.
  • Rot: 281+ Zeichen; gleichzeitig wird links neben dem Kreis in roten Ziffern die zu streichenden Zeichen aufgeführt.

Mein Limburger Twitter-Bekannter Josef Schmitt nannte den Kreis gestern “Kringel der Unendlichkeit” – ich musste herzhaft lachen.

Twitter-Hilfe-140-280-Zeichen.jpg“Frag doch mal die Twitter-Hilfe, wie das Runde nun offiziell heißt”, dachte ich mir. Interessanterweise habe ich dort heute (Stand: 9.11.2017, 9.58 Uhr) nicht nur kein Wort dafür gefunden. Ich stellte zudem fest, dass die deutsche Twitter-Hilfe den eigenen 280-Zeichen der Zeit hinterherhinkt. grins

Mein Fazit

Love it, leave it or live with it!

Wir sind nicht die Eigentümer der Plattform, also müssen wir die Gegebenheiten nehmen wie sie sind. Twitter bleibt nach wie vor ein Kurznachrichtendienst. Denn wenn wir es genau nehmen, ist in 280 Zeichen kein Platz für epischen Werke. 280 Zeichen entsprechen in einem “normalen” Worddokument grad mal ca. 3,5 Zeilen.

Für viele wird es eine Erleichterung beim Twittern sein. Für andere ist es der Verlust des Zwangs, die Würze in der Kürze zu finden oder Gewichtiges in wenig Worte zu fassen. Und glaubt man den Twitter-Blogworten basierend auf den Testwochen mit 280 Zeichen, werden wohl die meisten Twitterati nicht die 280 Zeichen ausnutzen.

Wollen wir wirklich zurück zu den Twitter-Wurzeln? Das würde bedeuten: keine Link-verkürzer nutzen; eingefügte Bilder, ein Retweet (d. h.:"RT"+@-Mention) und jede einzelne @-Mention in einem Dialog verbrauchen wieder wertvollen Platz im 140-Zeichen-Tweetfeld. Diese soeben genannten kleinen Veränderungen haben uns über das vergangene Twitter-Jahrzehnt fast unbemerkt mehr Textzeichen zur Verfügung gestellt. Es war halt nie eine Verdopplung. Ich möchte auf diese Annehmlichkeiten heute nicht mehr verzichten.

Persönlich werde ich versuchen bei ca. 140-Zeichen-Tweets zu bleiben. Bei Events wird mir die Live-Berichterstattung sicher leichter fallen, – darauf freue ich mich!

Ansonsten: Ich werde mir jetzt ein Trello-Kärtchen erstellen. Schließlich muss ich alle Twitter-Artikel in meinem Blog darauf prüfen, ob eine Aktualisierung zur aktuellen Tweetlänge nötig ist. seufz

Zeichnung, Screenshots: © Manuela Seubert

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