tl;dr - mein Nachbericht zur re:publica 2019

Veröffentlicht am 22.06.2019 von Manuela Seubert

Anfang Mai haben sich die Türen zur 13. re;publica 2019 geöffnetBesser spät, als nie! Die re:publica 2019 (#rp19) liegt nun schon über einen Monat zurück. Trotzdem möchte ich Ihnen einen Einblick in Europas größte Konferenz zu den Themen Netzpolitik und -kultur sowie digitale Gesellschaft geben.

Motto tl;dr

Sollten Sie nicht so viel im Internet unterwegs sein, wird Ihnen das Akronym (d. h. aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildetes Kurzwort) nicht geläufig sein.

tl;dr = too long; didn’t read = zu lang, habe ich nicht gelesen.

In den Anfängen des Internets wurde dieses Akronym in Foren und bei Bloggern verwendet. Mit diesem Kürzel kennzeichneten sie Beiträge, die sie als zu lang empfunden haben – und deshalb nicht komplett gelesen hatten. Manchmal leiten Blogger damit selbst auch die kurze Zusammenfassung eines längeren Beitrags ein.
Gedruckt auf Endlospapier durchzog Moby Dick das Gelände der Station Berlin anlässlich der #rp19
Sinnbildlich stehen diese Buchstaben für einen gestiegenen Unwillen sich mit längeren Texten auseinander zu setzen, Kleingedrucktes zu lesen oder Zeit in eine umfangreiche Recherche zu investieren.
Kurz und gut: Als der Marktforschung verbundene und die Analyse liebende Beraterin und Gern-Schreiberin genau mein Motto :-)

Treffen sich da nur Nerds?

Wenn Sie darunter Menschen verstehen, die sich für Computer, Internet, Soziale Medien und die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die Gesellschaft verstehen – dann ja.
Wenn Sie darunter Menschen verstehen, die sozial isoliert nur noch vorm Rechner sitzen und in Nullen und Einsen denken – dann nein.

Für eine offene Gesellschaft plädierende und konstruktiven Diskurs suchende Menschen jeden Alters und jeder Couleur tauschen ihre Ideen über technologisch bedingte oder verstärkte Entwicklungen aus, arbeiten gemeinsam an Problemlösungen und hecken Kooperationen für Schulen, Gesundheit, Business, Politik und mehr aus.
Affenfelsen: Ort für Arbeiten und Netzwerken
Und sollten Sie in Ihrer Tageszeitung oder dem TV-Sender Ihrer Wahl nur Teilnehmer gezeigt bekommen, die über Ihrem Smartphone oder Tablet brüten, ziehen Sie nicht einen falschen Schluss. Das sind die Pausen, in denen nebenbei gearbeitet wird, bevor die Teilnehmer sich wieder dem persönlichen Austausch zuwenden.

Welche Diskussionen habe ich besucht und genossen

Das dreitägige Programm der re:publica ist wirklich umfangreich. Digitale Bildung, gesellschaftlich-digitale Trends, Gesundheit, Mobilität, Internet of things – man kann sich in den unendlichen Weiten der re:publica wirklichverlieren.

Im Folgenden schildere ich Ihnen meine Hightlights.

Podcast-Monday

Auf verschiedenen Bühnen widmete sich die re:publica in diesem Jahr dem Thema Podcast. Das kam für mich gerade zur richtigen Zeit, weil ich mit einem Kollegen derzeit an einer Mini-Serie für einen neuen Podcast arbeite und gleichzeitig ein neuer PR-Podcast in der Konzeption steckt.

So war ich sehr glücklich, einen der letzten Plätze im Podcast-Workshop der Macher von einfachton, Bony Stoev und Lucas Görlach, zu ergattern. Dieser Workshop für Podcast-Neulinge ließ keine Fragen offen. Zunächst gab es einen Überblick über die Podcastszene; dann folgten die nötigen inhaltlichen Vorgedanken zum eigenen Podcast (Thema, Zielgruppe, Aufbau, Redaktionsplan, Persönlichkeit); abschließend gingen Bony und Lucas auf die Technik ein (Produktion, Schnitt, Bearbeitung, Verbreitung, Hosting).

Angebot von Live-Podcasts:

  • Die 10. Episode von Völlerei und Leberschmerz, einem mir bis dato unbekannten Podcast, hörte ich mir komplett an; bemerkenswert fand ich die Aussage: “Alle empfehlen, während einer Episode nicht zu essen und nicht zu trinken – wir machen es trotzdem” – bei einem Podcast über Völlerei wäre das auch Askese ;-).
  • Abends hätte ich noch gern die Aufzeichnung des Zeit-Podcasts Alles gesagt? mit Bas Kast beigewohnt. Bei diesem Podcast mit den Machern Christoph Amend und Jochen Wegner ist der Name Programm – die Episode endet erst, wenn der prominente Gesprächspartner ein bestimmtes Schlüsselwort sagt und damit kennzeichnet, dass wirklich alles gesagt sei. Das kann schon mal sechs Stunden dauern! Dafür war es mir nach einem anstrengenden Tag auf der #rp19 einfach zu spät.

Realitätsschock

Montagabend steht traditionell Sascha Lobo auf der Stage 1 bei der re:publica. Er berichtete diese Jahr vom Realitätsschock. In seinem einstündigen Vortrag ging Sascha einem Gefühl nach: Ist die Welt, wie wir sie kennen, nicht irgendwie aus den Fugen geraten – wenn wir an Brexit, Klimawandel, Insektensterben u. a. denken? Er stellt die These auf, dass die Vorstellung unserer Welt oft eine kollektive Illusion gewesen sei, die jetzt zerplatzt und zum Realitätsschock führt.
Sascha Lobo spricht auf der re:publica 2019 über den Realitätsschock
Sehr anschaulich machte er dies an zwei Punkten klar: Einerseits hat die Öffentlichkeit eine völlig falsche Vorstellung vom aktuellen Wissen der Welt; andererseits öffnete er uns die Augen hinsichtlich der Expertise der Experten – am Beispiel der jährlichen Meldungen zum Ifo-Index machte er deutlich, dass die Expertise in der Krise ist.

#NoTechxit – Zurück zu “Made in Europe”

Was für eine hörenswerte Podiumsdiskussion unter dem #NoTechxit! Manchmal sind die Titel von Veranstaltungen auf der re:publica irreführend – diese war es Gott sei Dank nicht.

Auf der Bühne stellten sich eine Vertreterin der Linken, eine Unternehmensvertreterin und ein aus Asien zurückgekehrter Journalist die Frage: Wie und was kann Europa der digitalen Expertise und der Gewinnmaximierung der Giganten aus dem Silicon Valleyeinerseits und den Zielen einer Totalüberwachung aus dem Reich der Mitte andererseits entgegenstellen?

Diskutiert wurde u. a. über fehlende Visionen für Europa, einer Gemeinwohl-orientierten Digitalisierung, dem international data space und einer Bürgerschaft, die mehr Ideen verbreitet und damit Politiker zum Handeln zwingt.

Die divers besetzte Runde konnte verständlicherweise keine Paradeantwort auf die Frage geben. Letztlich sind wir Teil eines Wettbewerbs an Wertesystemen, dem Europa vielleicht den ethisch-orientierten Nerd entgegensetzen kann – vielleicht!

Lass uns sprechen

Axel Voss, EU-Abgeordneter der CDU und das Gesicht der EU-Urheberrechtsreform, wagte sich in den Ring mit Markus Beckedahl von netzpolitik.org – und das vor dem re:publica-Publikum, das – ich orakle jetzt mal – wohl mehrheitlich diese EU-Urheberrechtsreform für “daneben” hält.
Diskussion über die EU-Urheberrechtsreform
Hören Sie selbst rein in diese Lass uns sprechen-Aufzeichnung, der ich kopfschüttelnd beiwohnte. Sollten Sie sich das ca. 44-minütige Video ansehen, gebe ich Ihnen (Achtung: Ich bin kein Rechtsanwalt!) den Rat, nicht auf Herrn Voss zu hören und bestimmte Bilder auf Ihrem Blog zu veröffentlichen; Sie könnten teure Schreiben von Anwälten erhalten!

Ansonsten: Nicht Neues; keine Fallbeispiele anhand derer Herr Voss mal der Internetgemeinde hätte erklären können, was wir dürfen und was nicht. Entgegen der Tradition auf der re:publica konnte das Publikum nach Beendigung der Aufzeichnung an Voss und Beckedahl keine Fragen platzieren => Unverständlich! Und: Hoffentlich macht dies in Panels mit Politikern nicht die Runde!

Abschied vom Netzpessimismus

Der Vortrag des schnell sprechenden Medienprofessors Bernhard Pörksen ist für mich ein “Must” auf der re:publica. Pörksen plädierte eindringlich dafür, dass wir uns vom Netzpessimismus verabschieden.

Während wir zu Beginn des Internets von der Utopie der Demokratie, des gleichen Zugangs zu Wissen weltweit träumten, sind wir mittlerweile beim Wettbewerb der Dystopien angelangt, der aus berechtigten Warnungen in eine Entmutigung der Engagierten führt.

Dem könnten wir laut Pörksen entgegensetzen:

  1. Ein Schulfach, das sich mit Medienkompetenz, Diskursfähigkeit und dem Recherchieren von Quellen befasst.
  2. Guter Journalismus
  3. Smarte Plattformregulierung zum Kampf gegen Desinformation und Zwang zur Transparenz

Zukunft wird vom Menschen gemacht, wir entscheiden – wenn wir mitmachen und uns engagieren.

Abseits der Vorträge: Basteln einer Umweltmessstation im Makerspace und mehr

Jenseits der Bühnen und Säle gibt es noch eine Menge zu entdecken: Kunstobjekte in Verbindung mit Technik oder Forschung; gemäß des diesjährigen Mottos – Vorlese-Performances; VR-Projekte zum Ausprobieren.
Oder für mich als ehemalige Marktforscherin interessant: Wie werden heutzutage offene Fragen erfasst und ausgewertet? Früher das Grauen eines jeden Marktforschers, weil irre aufwändig; jetzt per Text&Voice-Analysis – brave new world :-).

Mein Highlight außerhalb der Vorträge und des Netzwerkens war sicherlich der Besuch im “Makerspace”. Der Name ist dort Programm – unter Anleitung wird etwas Digitales gebastelt. Wer mich kennt, weiß: Ein echter Schritt heraus aus der Komfortzone. Mit Schmetterlingen im Bauch habe ich mich angemeldet, um eine Umweltmessstation (sog. sensebox) zu bauen und mit einer Web-Plattform zu verbinden.
Welche Herausforderung auf mich zukam, realisierte ich zudem, als ich mich im Kreis der Teilnehmer umsah: alle ca. 15 Jahre jünger und (bis auf eine weitere Teilnehmerin) männlich. Anleitung zum Aufbau der SenseBox:edu-Schaltung (#rp19)
Zum Glück teilte ich mir sensebox und Laptop mit einem Journalisten, der für ein PC-Magazin schreibt. Er fragte mich: “Hast Du sowas schon einmal gemacht?”, und Ich: “Nein, nie!”, woraufhin er mir alle Materialien hinschob und meinte: “Dann machst Du das!” – für solche Momente liebe ich die re:publica.
Messstation sensebox registrierenWie ging es mir nun mit dem Machen? Ich habe es mithilfe meines Nachbarn hinbekommen. Um ehrlich zu sein: Allein hätte ich es wohl in der Kürze der Zeit als absolute Newbie nicht geschafft. Doch das macht nichts. Ich habe den Makerspace mit dem Gefühl verlassen, dass dieses Citizen Science Toolkit (frei übersetzt: Wissenschafts-Werkzeugkiste für Otto Normalforscher) wirklich für Menschen mit wenig technischem Wissen und dafür viel Neugier an Naturwissenschaft umsetzbar ist.
Mit der SenseBox:edu wird Citizen Science möglich (#rp19)

Was fällt auf?

Die re:publica ist nicht mehr nur etwas für Nerds und Medienschaffende. Was sich in den letzten Jahren zaghaft andeutete, trat dieses Jahr geballt in Erscheinung: Politiker haben die Netzkonferenz endlich auf dem Schirm und nutzen Sie als Plattform – nicht immer gelungen (s. o.: Lass uns reden), wenn sich Politiker nicht dem Austausch mit den Panel-Teilnehmern stellen!
Außerdem haben Politiker-Sessions den Nachteil, dass man seeehr frühzeitig anwesend sein muss, um überhaupt in den Saal zu kommen, und es meist übervoll ist.

Äußerst positiv nehme ich wahr, dass wir nicht mehr nur über “Social Media in Unternehmen und Gesellschaft” sprechen (ja, das ist ein wenig pauschalisiert formuliert). Ob Umwelt, Bildung, Mobilität, Städteentwicklung, Medien oder auch Kommunikation in Unternehmen – die Digitalisierung durchdringt viele Bereiche unseres Lebens, eröffnet Chancen und lässt uns erkennen, dass wir manche Prozesse und Regeln neu denken müssen.

Spürbar war auf vielen Bühnen auch der Aufruf: Werdet selbst aktiv, – egal in welcher Hinsicht. Engagiert Euch in Gemeinden, in der Bildung, in der Politik – mischt Euch ein und überlasst nicht radikalen Menschen und Ideen die Zukunft.

tl;dr: Was haben Sie nun von meinem #rp19-Nachbericht?

Mittlerweile habe ich schon die ersten Talks, die ich vor Ort nicht sehen konnte, über YouTube (z. B. Was können Unternehmen von Minecraft lernen?) nachgehört. Machen Sie das doch auch!

Das Tolle an dieser Konferenz ist: Im Sinne von “Sharing is Caring” können Sie in viele Vorträge und Sessions auf dem YouTube-Kanal der re:publica- kostenfrei reinschnuppern.
Oben habe ich Ihnen ja diejenigen verlinkt, die mir vor Ort sehr gut gefallen haben.

UND GLÜCKWUNSCH: Dieser Bericht war anscheinend nicht tl;dr – Sie haben bis zum Schluss gelesen :-).

Herzlichen Gruß, Ihre Manuela Seubert

© Fotos: Manuela Seubert

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