Brauchen wir eine Offline-Netiquette?

Veröffentlicht am 05.10.2018 von Manuela Seubert

Paris-MetropolitainFür ein verlängertes Wochenende war ich vor ein paar Tagen mit einem meiner Söhne in Paris. Ich war sehr gespannt darauf, wie diese schöne und geschichtsträchtige Hauptstadt Frankreichs auf mich bei meinem vierten Besuch wirken würde. Zuletzt war ich kurz nach den Anschlägen von 9/11 dort – ob sich wohl viel verändert hat?
Im Rückblick auf diesen Kurztrip ist mir überraschenderweise der größte Unterschied im Verhalten der Touristen aufgefallen. Es lies in mir die Frage aufkeimen: Brauchen wir eine Etikette, wie wir unser Leben mit dem Smartphone nicht zur Belastung von anderen im Offline-Leben gestalten? Sozusagen eine Reverse-Netiquette? Oder Offline-Netiquette?

Meine Smartphone-Beobachtungen

Es fing auf der Zugfahrt nach Paris an. An das Mithören von Telefonaten auf unseren Straßen oder in S- und U-Bahnen haben wir uns gezwungenermaßen bereits gewöhnt. Doch richtig erstaunt war ich, als es im ICE ohne Unterlass piepste, dongte, klingelte oder anderweitige Smartphone-Geräusche auf mich hernieder sausten. Das Ganze gipfelte in nicht über Kopfhörer angesehene Videos. Bei nur einer Person hätte ich problemlos um mehr Rücksichtnahme gebeten – aber knapp 10 Menschen in einem Großraumabteil anzusprechen, kam mir wie ein Kampf gegen Windmühlen vor.
Da ich ein geräuschempfindlicher Mensch bin, habe ich (fast) immer Lärmstop/Ohrstöpsel dabei. Das war zumindest für diese Situation meine Rettung.

Bisher hatte ich einen Selfie-Stick nur als verlängerten Arm für bessere Fotoperspektiven wahrgenommen. In Paris änderte sich das drastisch. Manch ein Tourist nutzt diesen mittlerweile als Zauberstab, um auf wundersame Weise z. B. die Menschenmenge vor der Mona Lisa zu teilen – freundlich ausgedrückt. Als verlängerten Schlagstock wollte ich dieses nützliche Utensil nun doch nicht bezeichnen, wenn auch der Vergleich nicht ganz hinkt.

An bekannten Plätzen wie der Pyramide vor dem Louvre oder beim Trocadero mit dem Blick auf den Eiffelturm war ich gänzlich befremdet. Statt die Gestaltung und die Atmosphäre rund um die Attraktion aufzunehmen, zückten Neuankömmlinge einerseits sofort ihr Smartphone, um den Platz per Video oder Foto aufzunehmen – bevor sie direkt weitereilten nach einem kurzen “realen” Blick auf das Objekt der Begierde. Werden die Sehenswürdigkeiten nur noch indirekt wahrgenommen?

Es gab auch Neuankömmlinge mit Zeit. Bei diesen begann das Insta-Posen: Man stellt sich so vor die Attraktion (und das Sichtfeld der anderen Touristen), dass auf dem Bild später der Eiffelturm aussieht, als würde er auf der eigenen Hand stehen. Gern geschossenes Motiv am Louvre: Mit dem Finger auf die Spitze der Pyramide tippen. Und nach zwölfunddreißig leicht variierten Posen wird gleich gesnapt oder auf Instagram hochgeladen.
Das Foto ist bedeutungsvoller, als zum Beispiel die Fassade des Louvre mit den für ein Insta-Bild unerreichbaren Statuen? Ja, das darf jeder selbst entscheiden. Doch wenn für solche Fotos nicht-fotografierende kontemplative Betrachter aus dem Weg geschubst werden … dann hört der Spaß auf.

Ortswechsel in ein Restaurant: Positiv zu vermerken ist, dass es hier nicht so von Gepiepse und Gesprächen am Handy Geräusche gab. Befremdlich waren dagegen Gruppen, die gemeinsam an einem Tisch saßen und – wirklich – alle mit gesenkten Köpfen sich lange und intensiv allein mit ihren Smartphones beschäftigten. Nein, das waren nicht nur die digital natives!
Sie haben nicht gestört. Ich fühlte ihre körperliche Präsenz und ihre geistige Abwesenheit in einer Umgebung, die aufgrund von köstlichen Gerüchen der französischen Küche, livrierten Kellnern und liebevollen Dekorationen ein Sinnesrausch jenseits von Bits und Bytes war.

Aktualisierung (23.10.2018): Nach Paris nahm ich zwei Wochen später an einer Pilgerreise nach Rom teil. Die oben beschriebenen Phänomene waren in der römischen Hauptstadt ähnlich. Jedoch wurden Sie durch Smartphone-Besitzer getoppt, die wohl einen Gottesdienst mit einem Pop-Konzert verwechseln. #NoFurtherCommentNeeded

Smartphone-Nutzung in der Offline-Welt

Verstehen Sie mich richtig: Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden – auch bei der Wichtigkeit des eigenen Smartphones im realen Leben. Doch eine aufdringliche Geräuschkulisse durch ein Smartphone oder rüpelhaftes Verhalten, um das beste Foto per Smartphone zu erhalten, gehen wirklich zu weit. Auch ich fotografiere gern, auch ich halte mich gern in den virtuellen Welten auf – doch nach diesen vier Tagen in Paris als eine Touristin unter vielen Touristen habe ich mich ernsthaft auf der Rückfahrt gefragt: Brauchen wir an öffentlichen Orten eine Smartphone-Netikette für die reale Welt?

Beispiele für Schilder/Warnhinweise:

  • Eiffel-Turm: Wenn Sie für Ihr Foto einen Flickflack machen, verletzten Sie nicht andere Besucher.
  • Schilder in Zügen: “Schalten Sie alle Benachrichtigungen auf Ihrem Smartphone lautlos”; “Hören Sie Videos/Podcasts und mündliche Nachrichten nur mit Kopfhörern ab – Ihr Nachbar dankt es Ihnen”; “Fasse dich kurz – beim Telefonieren im Großraumwagen”; o. ä.
  • In Museen und an Engstellen bei Sehenswürdigkeiten: Verbot von Selfie-Sticks wegen gesundheitlicher Gefahren (z. B. Gehirnerschütterung oder ausgeschlagene Zähne).

Diese Texte müssten noch knackig gekürzt und mit einem passenden Piktogramm versehen werden, damit jeder Tourist sie versteht.
Ich verwarf direkt meine Idee. Erziehe deine Kinder gut, weise sie auf respektloses Verhalten und den Einsatz des gesunden Menschenverstandes hin. Damit erreiche ich mehr, als wenn ich versuche mit irgendwelchen Offline-Netiquetten die Welt zu retten ;-).

Außerdem wirft Tante Google gaaanz viele Suchergebnisse zu Smartphone-Etiquette aus, ein Beispiel gefällig?

Au revoir et à bientôt
Ihre Manuela Seubert

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