Rezension: Silicon Germany

Veröffentlicht am 10.03.2017 von Manuela Seubert

Rezension-Silicon-Germany-Keese
Digitale Transformation, Disruption, IoT (Internet of Things), Plattformökonomie – Schlagworte, die verstärkt durch Presse, Internet, Messeprogramme und Kongresse selbst in Deutschland getragen werden. Startpunkt sind die Entwicklungen aus dem Silicon Valley, die mittlerweile ins Neuland Deutschland geschwappt sind. Mit reichlicher Verspätung nehmen wir die Ideen – und die Aufholjagd – auf.

Christoph Keese hat 2013 einen halbes Jahr im “Silicon Valley” verbracht und seine Erkenntnisse im gleichnamigen Buch über das Tal in Kalifornien zusammengefasst. Basierend auf diesen Erfahrungen nimmt er mit dem nun vorliegenden “Silicon Germany” eine Bestandsaufnahme der deutschen Wirtschaft vor – schonungs-, aber nicht hoffnungslos.

Um ein wenig meines Fazits vorwegzunehmen: Haben Sie bisher keine genaue Vorstellung, was digitale Transformation und Disruption für Ihr Geschäftsmodell bedeuten könnte, dann investieren Sie 22,99 Euro in dieses Buch.

Inhalt

Zwei Fragestellungen geht der Autor mit seinem “Silicon Germany” nach (aus dem Vorwort):

  1. Wie konnte es passieren, dass Deutschland den Anschluss an die Digitalisierung so gründlich verpasst hat?
  2. Und was können wir tun, um den Rückstand so schnell wie möglich aufzuholen?

Im Land des digitalen Defizits – Die Lage/Die Gründe

In den ersten beiden Kapiteln beschreibt Keese, wo die deutsche Wirtschaft derzeit steht und warum sie dem Silicon Valley hinterherhinkt. Anhand persönlicher Erfahrungen mit einem Rasenmäher und einer Heizung zeigt er die Defizite deutscher Hersteller auf.

Gründe für das Hinterherhinken findet er u. a. in der Angst vor Neuem, dem Denken in autarken Maschinensystemen oder dem Verhaften des Managments an der 0-Fehler-Kultur.

Die Herausforderungen

Alle Branchen sind bei der Digitalisierung lt. Keese von vier gleichzeitig parallel laufenden und sich gegenseitig verstärkenden Entwicklungen betroffen: exponentiell wachsende neue Technologien, Plattformen, disruptive Angreifer in bestehenden Märkten und innovative Geschäftsmodelle.

Die Szenarien

Dieses Kapitel ist für mich zentral – für diejenigen Leser, die die digitale Transformation noch nicht fassen können oder sich aus bisher gelesenen Fragmenten kein klares Bild formen konnten.
Keese beschreibt die zukünftigen Umwälzungen durch die Digitalisierung für wichtige deutsche Branchen: Automobil, Banken, Versicherungen, Telekommunikation, Energie, Wohnen, Handel, Logistik und Gesundheit.

Was Unternehmen sowie Politik und Gesellschaft tun sollten

Keese bleibt bei seiner Beschreibung des Silicon Valley nicht bei einer Erhebung des Status quo und dem Blick in die digitale Glaskugel stehen. Er schildert zum einen für Unternehmen und zum anderen für Politik und Gesellschaft, was diese tun sollten, um die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen und schnell zu handeln statt zu warten.

Für Unternehmen geht er u. a. auf strategische Überlegungen, Führungsphilosophie, Innovationskraft, Standortfragen und Organisation ein: vom Denken in Chancen statt Ängsten über den Abschied von allwissenden Führungskräften hin zum Glauben an “Fail fast, fail cheap”.

Politisch und gesellschaftlich sollte der Digitalisierung endlich der Stellenwert zugeschrieben werden, den es für uns zukünftig im Leben auch haben wird. Ein guter Startpunkt wäre die Schaffung eines Digitalministeriums; derzeit werden Digitalisierungsthemen in vier Behörden betreut – an einem Strang ziehen ist damit wenig wahrscheinlich.
Weiterhin beschreibt er Maßnahmen, mit denen Politik und Gesellschaft die Digitalisierung in Deutschland stärken können: u. a. bessere Finanzierung von Start-ups, eine schnellere Justiz oder eine Charta der digitalen Rechte.

Die Zukunft

Werden wir in Deutschland zum Technikmuseum oder zum Silicon Germany?

Keese im Buch:

“Auf meinen Recherchen für dieses Buch schwankte meine Stimmung ständig zwischen Zuversicht und Niedergeschlagenheit. Zuversicht kam immer dann auf, wenn ich Menschen traf, die den Aufbruch wagen und modern denken … Doch abseits dieser Ausflüge überwog die Niedergeschlagenheit.”
Ch. Keese

Deutschland kann in Keeses Augen die digitale Wende schaffen – wenn es sich besinnt auf: Technikstolz, Pioniergeist, aufregende wissenschaftliche Entdeckungen, “Maker-Athmosphäre” mit neuen Technologien, horizontal Vernetzung u.a.

Keese endet sein Buch mit aufmunternden Worten:

“Deutschland ist in Sachen Digitalisierung heute das, was man an der Börse als undervalued asset bezeichnet: eine Aktie, die unter ihrem wahren Wert gehandelt wird. Wir haben unser Potential noch längst nicht ausgeschöpft.”
Ch. Keese

Schauen Sie rein in die Buchvorstellung mit Christoph Keese im KulturKaufhaus:
rezension-silicon-germany-video-buchvorstellung

Weitere Informationen zu Silicon Germany

Pressestimmen, Autorenvita, Leseprobe u. a. finden Sie auf der Microsite zum Buch

Mein Fazit

Im letzten Jahr habe ich Keeses “Silicon Valley” gelesen oder sollte ich sagen: verschlungen. Die Beschreibung der Geografie des bekannten Tech-Valleys in Kalifornien über Bildung, Unternehmertum und Investorszene bis schlussendlich zur Möglichkeit des Weiterlebens in der “Singularität” war spannend wie ein Krimi.

Daher freute ich mich auf diesen Blick ins bundesdeutsche Neuland. Dem Autor ist es gelungen, …

  • mit Silicon Germany einen Status zur Digitalisierung in Deutschland zu beschreiben,
  • zudem in die digitale Glaskugel mit sehr realistischen Zukunftsszenarien zu blicken,
  • um letztlich Handlungsfelder für Unternehmen sowie Politik und Gesellschaft aufzuzeigen
  • - und gleichzeitig nicht den Mut zu verlieren bzw. aufzumuntern, dass wir Deutschen uns ebenfalls von dem Pioniergeist der Digitalisierung anstecken lassen können.

Meine Empfehlung: Lesenswert!


Christoph Keese: Silicon Germany – Wie wir die digitale Transformation schaffen
3. Auflage, 2016
Albrecht Knaus Verlag, München
ISBN978-3-8135-0734-8


Foto/Screenshot: © Manuela Seubert

Diese Beiträge könnten Sie außerdem interessieren

Kommentare anzeigen

Informationen zum Datenschutz beim Anzeigen von Kommentaren.