Nachbericht: Weiterbildung zum Speed Reading

Veröffentlicht am 18.06.2017 von Manuela Seubert

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Zu Beginn dieser Woche nahm ich am Training “Speed Reading” (= Schnelllesen) der Firma Improved Reading GmbH & Co. KG in Köln teil.

Im Folgenden lesen Sie meinen Nachbericht.

Wie mein Interesse am Schnelllesen begann

In meinem ersten Blogbeitrag in diesem Jahr habe ich Ihnen erzählt, dass und warum ich mir als persönliche Herausforderung in 2017 das Speed Reading beibringen will. Dort lesen Sie auch, mit welchen Tipps ich mein Selbststudium begonnen habe.

Zufällig las ich im Februar im Mitgliederbereich meines Berufsverbandes Deutsche Public Relations Gesellschaft, dass ein zweitägiger Kurs und andere Materialien zum Speed Reading unter den Mitgliedern verlost werden.
Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl war! Ich warf meinen Namen in den Lostopf, hielt mir die Daumen und kreuzte meine Finger … und tatsächlich: Ich gewann den Zwei-Tages-Kurs!

Doch wie steht es bis dato um mein Selbststudium? Nicht zufriedenstellend!
Ich habe das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Gefühlt nimmt die Geschwindigkeit nicht zu, meine Augen ermüden schnell, Texte werden nicht richtig erfasst. Und dies unabhängig davon, welche Textart (Zeitung, Online-Texte, Roman, E-Mails o. a.) ich lese. Ich wollte nicht nur schnell lesen, sondern gleichzeitig ein hohes Textverständnis erreichen.

Irgendetwas packe ich falsch an und daher freue ich mich auf den “Improved Reading”-Kurs; unter diesem Namen firmiert die von mir wahrgenommene Weiterbildung zum Schnelllesen.

Speed-Reading-Kurs: Tag 1

Optimale Voraussetzungen beginnen den Kurstag. Ursprünglich sollten wir 5 Teilnehmer sein, zwei haben kurzfristig abgesagt – das nenne ich eine fantastische Betreuungsrate, die ich wirklich nicht erwartet habe.

Unser Kursleiter erläutert den Ablauf:

  • Tag 1 beinhaltet Kurstheorie und viele “seltsame” Übungen für die Augenbewegung an; wir werden eine neue Lesetechnik kennenlernen und uns an sie gewöhnen – ohne die gelesenen Texte wirklich zu verstehen.
  • Am Tag 2 werden Leseverständnis und Lesestrategien folgen.

Erhebung der Lese-Ist-Situation

Vor der Theorie kommt der Lese-Verständnis-Test. Wir sollen alle kennen, wo wir stehen: Wie viele Worte pro Minute (WpM) lesen wir? Mit welchem Leseverständnis?

Menschen mit meinem beruflichen Hintergrund, Ausbildung und Sozialisation schneiden beim Einstiegstest durchschnittlich mit 263 WpM bei einem Leseverständnis von 68% ab.
Ich bin sehr gespannt, denn die Worte pro Minute hatte ich im Januar im Selbsttest ermittelt. Würden die Ergebnisse passen?

Nein, sie stimmen nicht! Im heutigen Test liege ich bei 253 WpM bei einem Leseverständnis von 60% – Bähm, das ist eine ziemliche Ernüchterung!
Warum ich mit meinem Januartest so daneben lag und meine Fähigkeiten überschätzte oder heute in der Prüfungssituation so langsam mit so geringem Leseverständnis las, kann ich nicht nachvollziehen.

Egal, ich bin hier, um eine Erwachsenen-Lesestrategie zu erlernen :-).

Hintergrundwissen zum Lesen

Meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Kurstheorie:

  • Wir lernen das Lesen in der Grundschule – selbst als Erwachsene arbeiten wir immer noch mit dieser für uns nicht mehr adäquaten Grundschultechnik des Wort-für-Wort-Lesens.
  • Die größten Lesefehler sind: absichtliches und unabsichtliches Zurückspringen im Text (Regression); mangelhafte Fixierung des Auges; lautloses Mitsprechen beim Lesen (vollständiges Subvokalisieren).
  • Absichtliche Regression: Wenn wir bei einem Text abschweifen, liegt das daran, dass wir zu langsam lesen – unser Gehirn ist meist nicht ausgelastet!
  • Mit Eye-Tracking-Studien wurde festgestellt, dass das Auge bei jedem Wort kurz stehenbleibt und dann weiterspringt .
  • Beim Lesen zur Erhöhung der Lesegeschwindigkeit Wörter wegzulassen und sich nur auf bestimmt Satzbestandteile zu fokussieren (einer der Tipps, die ich ausprobiert habe) eignet sich nur zur Textsichtung, um sich einen Überblick zu verschaffen.
  • Beim sinnvollen, nachweislich schnelleren Erwachsenenlesen ist es das Ziel, die Blickspanne voll auszunutzen.
  • Die Blickspanne ist individuell verschieden sowie abhängig von Entfernung und Schriftgröße des Schriftstückes.
  • Eine Blickspanne umfasst ca. 3-3,5 cm oder ca. 3-4 kleinere Wörter oder ca. 18-24 Buchstaben, die eine Sinngruppe im Satz darstellen.
  • Das Lesen in Blickspannen von 3-3,5 cm (= Chunk) inkl. Textverständnis (!) nennt man „chunken“.

Im Video wird verdeutlicht, was Lesen in Sinngruppen mit einer ca. 3-3,5 cm breiten Blickspanne bedeutet:

Von der Theorie zur Praxis

Danach starten die Übungen, viele Übungen, ungewöhnliche Übungen. Diese Übungen sind eine Überwindung, eine Abkehr von jahrzehntelangen Lesegewohnheiten:

  1. Die Augen erhalten die Erlaubnis, das eigentliche Wort loszulassen und zu entspannen; die Augen richten sich auf eine Wortgruppe und fliegen so schnell wie möglich über jede einzelne Wortgruppe in Sprüngen hinweg.
  2. Gleichzeitig darf das Gehirn hinsichtlich Textverständnis abschalten. “Springt nur schnell von einer Wortgruppe zur nächsten – erfasst zunächst nicht, welchen Sinn die Worte haben”, erinnert uns unser Kursleiter immer wieder.

Zunächst echt schwer!

Je mehr Übungen mit Wort-/Zahlen- oder Buchstabengruppen oder mit dem Hilfsmittel Reading Rate Controller sowie Verständnis-Tests wir machen, desto schneller werden die Augen beim Springen von Wortgruppe zu Wortgruppe. Manchmal schummeln sich bei mir die ersten verstandenen Wörter oder Textpassagen ins Gehirn! Nicht selten falle ich auch ins alte Lesemuster (= Wort für Wort) zurück.

Die Kursstunden rasen über das Ziffernblatt der Uhr, ebenso wie unsere Augen über Übungsblätter und Buchseiten. Schneller als gedacht ist der erste Kurstag zu Ende.

Fazit Tag 1

Ich “lese” jetzt einen Text mit ca. 400 WpM – genauer gesagt, ich “blickspringe” so schnell über den Text. Jedoch habe ich dabei nur ein Textverständnis von ca. 30-40%.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist dies für mich ein No-Go für berufliche und private Lektüre.

Wird Tag 2 des Speed-/Improved-Reading-Seminars daran etwas ändern?

Speed-Reading-Kurs: Tag 2

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Der zweite Tag verläuft ähnlich zum ersten Tag der Weiterbildung – erstens wie im Flug und zweitens mit: Wiederholung der Kurstheorie; Verständnistests; Augenübungen; Buchlesen mit dem “Reading Rate Controller”; neuen Tipps für die Steigerung des Leseverständnisses, für das schnellere Finden von Sinngruppen, gute Chunk-Lesehaltung, Chunken und natürlich der Frage “Wie mache ich nach dem Kurs weiter?”.

Weitere Leseverständnis-Erkenntnisse

  • Leseforschung rät davon ab, vollständiges Subvokalisieren zu unterbinden. Wenn man es sich selbst leise vorliest, sollten es wichtige Wörter sein.
  • Nicht verwechseln: peripheres Sehen (ca. 6-6,5 cm) und Blickspanne; nur letzteres ist fürs Improved Reading ausschlaggebend.
  • Zur Verständnisförderung eines Textes: Vorausschau (Priming) oder Absatzspringen (Paragraphing) nutzen.

DER coole Aha-Effekt beim Speed-Reading-Kurs

Am Nachmittag sollen wir unseren Reading Rate Controller auf eine Zahl einstellen, die unser Trainer jedem Einzelnen auf seinen Ergebnisbogen notierte, und eines der ausgegebenen Bücher in der vorgegebenen Geschwindigkeit “chunken”.

Es ist erbärmlich langsam. Die Leseleiste kriecht wie eine Schnecke über die Zeilen und wir sollen – Gott sei Dank – nur eine halbe Seite des Buches lesen. Spaß am Lesen sieht anders aus, darin stimmen wir Teilnehmer überein.

Was hat es mit dieser langsamen Geschwindigkeit auf sich? Sie entspricht der Ist-Lesegeschwindigkeit, mit der wir den Kurs begonnen haben – also derjenigen, mit der wir jahrelang gelesen hatten.

Gefühlt steht mir tatsächlich für einen kurzen Moment der Mund offen. So langsam habe ich gestern noch gelesen? Wow, was für ein Unterschied in nur einem Tag!!!
Wir sind alle von unserem Fortschritt begeistert.

Einen Vergleich zwischen Wort-für-Wort-Lesen und “Chunken” macht das Video deutlich:

Ein letzter Verständnistest bestätigt mir meinen Fortschritt: Ich lese nun 426 WpM bei einem Leseverständnis von 70%. Damit habe ich die Effective Reading Rate (= WpM x Leseverständis) in diesen beiden Kurstagen verdoppelt.

Wie geht es weiter?

Wie beim Sport oder beim Erlernen des 10-Finger-Tippens müssen wir weiterhin üben, damit unser jetzt noch stockendes in flüssiges Chunken überführt wird. 10-12 Minuten pro Tag für die nächsten 2-3 Monate sollte uns alle dazu bringen, dass uns unsere neue Lesetechnik zur Gewohnheit wird.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir wieder ins langsame “Wort-für-Wort-Lesen” zurückfallen.

“Improved Reading” wird uns die nächste Zeit noch begleiten und unterstützen durch:

  • 12 Transfer-Impulse per E-Mail in den nächsten 90 Tagen
  • Im ausgehändigten Arbeitsbuch finden sich weitere Trainingseinheiten
  • Den Alumni-/Mitgliederbereich mit variierenden Übungen
  • Kostenfreien Präsenz-Refreshern für Alumnis in bestimmten Städten

Mein Gesamtfazit

Was hatte ich Glück, dass ich diesen Kurs über die DPRG gewonnen habe! Nach diesen zwei Tagen weiß ich, dass ich im Selbststudium wahrscheinlich nicht wirklich weiter gekommen wäre. Erstens habe ich mir falsche Tipps rausgesucht; zweitens war es wichtig, meine Augen an die richtige Sprungtechnik mit der passenden Blickspanne heranzuführen.

Jetzt liegt es an mir, nicht wieder ins alte Lesemuster zurück zu fallen. Ob ich alle Textarten mit dieser neuen Technik lesen werde, weiß ich noch nicht. Schließlich ist Lesen für mich auch Vergnügen und bei mancher Literatur will ich die Schönheit der vom Autor gewählten Worte genießen. Zudem muss ich beruflich einige Texte tatsächlich Wort für Wort lesen, nämlich z. B. bei Textkorrekturen. Ich werde weiter üben und Ihnen spätestens am Ende des Jahres berichten, bei wie vielen Wörtern pro Minute und wie viel Verständnis ich angekommen bin.

Zwei wirklich sinnvolle investierte Tage sind vorüber. Diese Weiterbildung hat sich für mich voll gelohnt!

Wie stehen Sie zum Thema Speed Reading? Ist dies für Sie ebenfalls ein lohnendes Ziel?

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